Krisenintervention nach Trauma & Psychotherapie

Die Vielfalt der möglichen traumatisierenden Ereignisse und Umstände

Zumeist denken wir bei Trauma an Krieg, Flucht und Folter, an Überfälle und Vergewaltigung oder an Naturkatastrophen.

Es sind aber nicht nur diese offensichtlich dramatischen Geschehnisse, die uns traumatisieren können. Die Ereignisse und Umstände, die zu Traumatisierungen führen, sind weitaus vielfältiger und facettenreicher.

Neben jeglicher Form der Gewalterfahrung sind es vielfach „alltäglichere“, „stillere“, nur scheinbar weniger tragisch erscheinende Ereignisse, die traumatisierend sein können; beispielsweise medizinische Untersuchungen, Behandlungen und Eingriffe, der Verlust eines geliebten Menschen oder wiederholte psychische Gewalterfahrungen in Form von Demütigungen und Abwertungen. Auch die Diagnose einer lebensbedrohlichen Erkrankung, das Miterleben, wie jemand anderer zu Tode oder zu Schaden kommt, oder eine fortschreitende, unheilbare Krankheit eines nahestehenden Menschen können uns traumatisieren.

Oftmals sind es Unfälle, z. B. Stürze mit dem Fahrrad oder beim Skifahren, ein allergischer Schock oder ein Erstickungsanfall nach dem Verschlucken beim Essen.

Für Kinder sind Ereignisse oft traumatisch, denen wir Erwachsenen keine Bedeutung beimessen; etwa ein Sturz vom Klettergerüst, das Verlorengehen in einem Einkaufszentrum, das Kentern beim Windsurfen, unter dessen Segel sie geraten und von dem sie sich nur mühsam befreien können. Oder subtile Formen psychischer Gewalt, etwa wenn Eltern von ihren Kindern Gehorsam fordern und ihre Bedürfnisse und Entfaltung durch strikte Regeln, Verbote und Strafen beschränken und unterdrücken, sie in ihrer Persönlichkeit und ihren Bedürfnissen nicht wahrnehmen oder sie zur Erfüllung ihrer eigenen Bedürfnisse benutzen.

Mitunter sind Kinder auch durch die Traumatisierung ihrer Eltern belastet, etwa durch deren frühe Gewalterfahrungen, und zeigen deshalb traumaspezifische Symptome (transgenerationale Traumatisierung).

Auch auf uns Erwachsene können Ereignisse traumatisierend wirken, von denen wir meinen, sie dürften oder sollten uns nicht belasten oder wir müssten sie ertragen können; auch zu diesen zählen oftmals medizinische Untersuchungen, Behandlungen und Eingriffe.

Alle diese Ereignisse und Umstände eint, dass sie uns und unser (bisheriges) Leben bzw. unsere körperliche und/oder seelische Unversehrtheit bedrohen, wir währenddessen keine oder kaum Handlungsmöglichkeiten haben, unsere Verteidigungsimpulse (Kampf oder Flucht) nicht ausführen oder abschließen können, und uns ohnmächtig, ausgeliefert und hilflos fühlen.

Traumatisierungen können eine Vielzahl an Auswirkungen mit sich bringen, die, gleich einem Kontinuum, von einzelnen Symptomen (z. B. depressiven Episoden) bis zu komplexen Symptombildern (z. B. Posttraumatische Belastungsstörung) reichen. So wie sie in ihrer Komplexität variieren, können wir sie auch in ihrer Intensität und Tragweite unterschiedlich erleben.

Entscheidend ist dabei stets, wie wir ein Ereignis erlebt haben, zu welchen Auswirkungen es bei uns geführt hat und wie sehr wir unter diesen leiden.

Deshalb sind Vergleiche zwischen einzelnen Menschen, die Unterschiedliches oder auch Ähnliches erlebt haben, nicht zulässig, und vor allem nicht hilfreich. Denn sowie jedes Erleben einzigartig ist, sind auch unsere Reaktion darauf und das, was das Erlebte in uns auslöst, einzigartig.

Es ist wichtig um die Vielfalt der möglichen traumatisierenden Ereignisse Bescheid zu wissen; denn häufig verbergen sie sich hinter psychischen Symptomen wie z. B. Ängsten oder Panikattacken, oder unerklärlichen körperlichen Beschwerden wie chronischen Schmerzen.

Auch bei einer bereits bestehenden Diagnose, die vordergründig nicht an eine Traumatisierung denken lässt wie eine Depression oder Zwangsstörung, finden sich bei genauerem Nachfragen und Erkunden oftmals traumatische Erfahrungen im Lebensverlauf.

Wenn wir uns diese bewusst machen und die Zusammenhänge zwischen ihnen und unseren Symptomen ergründen und entdecken, erkennen wir zumeist die Ursachen für bestehende Symptome und Beschwerden. Dies ist ein entscheidender Schritt zur Heilung; denn mit diesem Wissen lassen sich unsere Erfahrungen gezielt verarbeiten und dadurch unsere Beschwerden lindern bzw. heilen.